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Samstag, 19. Juli 2025

Estelle Herlyn

 Prof. Dr. Estelle Herlyn

Das vollständige Gespräch mit Prof. Dr. Estelle Herlyn auf YouTube.

Nachhaltigkeit ganzheitlich denken – nicht nur ökologisch

Prof. Dr. Estelle Herlyn macht gleich zu Beginn deutlich: Nachhaltigkeit ist weit mehr als Klimaschutz. In ihrer Forschung und Praxis legt sie großen Wert auf die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit – ökologisch, sozial und ökonomisch – und deren Balance. Sie warnt vor der Engführung aktueller Debatten, die oft einseitig auf CO₂-Faktoren fokussieren, während soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Tragfähigkeit zu kurz kommen. Besonders in Entwicklungs- und Schwellenländern brauche es differenzierte Strategien, um nachhaltige Transformationen fair und effektiv zu gestalten.


Vom CO₂-Kompensieren zur Transformation: Die Allianz für Entwicklung und Klima

Herlyn schildert die Entstehung und Zielsetzung der „Allianz für Entwicklung und Klima“, die sie zusammen mit BMZ und GIZ initiiert hat. Ziel war es, freiwillige CO₂-Kompensation mit entwicklungspolitischen Maßnahmen zu verbinden. Unternehmen, Institutionen und Städte sollen nicht nur Emissionen ausgleichen, sondern gleichzeitig Entwicklungsprojekte fördern – etwa durch Wiederaufforstung, nachhaltige Landwirtschaft oder Zugang zu Energie. Heute zählt die Allianz über 1400 Unterstützer und wird von einer Stiftung weitergeführt.


Global denken, lokal handeln – und umgekehrt

Ein zentraler Punkt des Gesprächs ist die Frage: Was können wir im globalen Norden tun, um den globalen Süden nicht weiter zu benachteiligen? Herlyn betont, dass Klimaschutzmaßnahmen auch soziale Nebenwirkungen haben. Wenn CO₂-Preise steigen, treffe das Haushalte mit geringem Einkommen besonders hart – in Deutschland wie auch weltweit. Deshalb sei eine sozial ausbalancierte Klimapolitik notwendig, etwa durch Rückverteilung von Einnahmen an Bürger oder gezielte Investitionen in Entwicklungsländer.

Herlyn fordert außerdem eine Reform des Welthandels: Subventionen in der EU führen dazu, dass beispielsweise Tomatenmark in Westafrika billiger verkauft wird als lokal produzierte Ware – mit verheerenden Folgen für die dortige Landwirtschaft. Eine global faire Transformation müsse Handels- und Klimapolitik zusammendenken.


Bildung, Werte und Gemeinwohl neu ausrichten

Für eine langfristige Veränderung brauche es laut Herlyn nicht nur Technologien oder Märkte, sondern auch eine Kultur des Gemeinwohls. Bildung spiele dabei eine zentrale Rolle: Schulen und Hochschulen müssten Nachhaltigkeit nicht nur als Zusatzthema behandeln, sondern als Querschnittskompetenz. Herlyn sieht zudem die Wirtschaft in der Pflicht, sich neu auszurichten: Weg vom reinen Shareholder-Value hin zu Gemeinwohlorientierung, wie sie etwa im „Stiftung Senat der Wirtschaft“ oder in den Prinzipien der Gemeinwohlökonomie vertreten wird.


Wege aus der Polarisierung: Nachhaltigkeit braucht Dialog

Herlyn beobachtet mit Sorge die zunehmende Polarisierung in der Nachhaltigkeitsdebatte – zwischen Klimaklebern und Klimaleugnern, zwischen Wirtschaft und Umweltschutz. Sie plädiert für einen konstruktiven, sachlich fundierten Diskurs, in dem unterschiedliche Interessen anerkannt und integriert werden. Nachhaltigkeit sei ein „Wirkungsraum“, der gemeinsames Gestalten erfordere – über Parteigrenzen, Disziplinen und Länder hinweg. Die Lösung der großen Zukunftsfragen sieht sie in klugen Allianzen und systemischer Kooperation.


Sie finden alle Videos unter:
https://energiespeicher.blogspot.com/p/energiegesprache-mit-eduard-heindl.html


Stichworte: ganzheitliche Nachhaltigkeit, CO₂-Kompensation & Entwicklung, soziale Gerechtigkeit, Gemeinwohlorientierung, systemische Transformation

Heinrich Fischer

Heinrich Fischer

Das vollständige Gespräch mit Heinrich Fischer auf YouTube.


Vom Unternehmer zum politischen Energie-Denker

Heinrich Fischer, Physiker, Elektroingenieur und Volkswirt, bringt jahrzehntelange Erfahrung aus der Spitzenindustrie mit. Nach Stationen bei IBM, Balzers, Saurer und Hilti engagiert er sich heute in energie- und europapolitischen Debatten der Schweiz. Sein Interesse an der Energiepolitik entstand aus der Sorge, dass die Grundlagen des schweizerischen Wohlstands gefährdet sein könnten – insbesondere durch unzureichend durchdachte Pläne zur Energieversorgung und den möglichen Verlust der nationalen Souveränität durch ein EU-Rahmenabkommen.


Wasserkraft und Atomenergie: Die Stärken der Schweiz

Fischer betont die außergewöhnliche Ausgangslage der Schweiz durch ihre 660 Stauseen und eine etablierte Kernkraft-Infrastruktur. Wasserkraft deckt etwa die Hälfte des Strombedarfs, Kernkraft ein weiteres Drittel. Diese Grundpfeiler bieten nicht nur Versorgungssicherheit, sondern auch eine CO₂-freie Stromerzeugung. Die Schweiz sei im Winter dank großer Speicherseen ein stabilisierender Faktor im europäischen Netz – wenn auch die Kapazitäten langfristig nicht ausreichen, um den Bedarf einer vollelektrifizierten Zukunft zu decken.


Energiewende mit Fallstricken

Trotz Förderung für Solaranlagen – insbesondere im alpinen Raum mit hohem Winterertrag – hemmen Bürokratie, Infrastrukturmängel und Investitionsunsicherheiten den Ausbau. Die Problematik: Im Sommer gibt es Stromüberschüsse, die kaum genutzt werden können, während im Winter Versorgungsengpässe drohen. Der Import von grünem Wasserstoff erscheint laut Fischer technisch und wirtschaftlich kaum realistisch. Die Dekarbonisierung müsse pragmatisch und technologieoffen gedacht werden – ohne ideologische Scheuklappen.


Europas Innovationsproblem und die Rolle der ETH

Fischer hebt die Innovationskraft der ETH Zürich hervor, wo er im Stiftungsrat tätig ist. Start-ups entstehen dort aus praxisnaher Forschung mit internationalem Anschluss. Doch Europa habe ein strukturelles Problem: Zu viele Regulierungen, zu wenig Risikofreude. Der Erfolg der Schweiz beruhe auch auf geringer Bürokratie und starkem Vertrauen der Bürger in den Staat. Länder wie Deutschland und Frankreich drohten laut Fischer im globalen Innovationsvergleich weiter zurückzufallen.


Demokratie als Fundament – und Hindernis?

Die direkte Demokratie in der Schweiz erlaube es, energie- und klimapolitische Ziele demokratisch zu legitimieren – aber auch lokale Projekte zu blockieren. Ein Ziel wie CO₂-Neutralität wird zwar mehrheitlich unterstützt, konkrete Wind- oder Solarkraftprojekte stoßen jedoch häufig auf Widerstand. Dennoch plädiert Fischer dafür, dieses politische System als Garant für Langfristigkeit und Akzeptanz zu erhalten – auch wenn es langsamer sei als zentralistische Modelle.


EU, Neutralität und geopolitische Herausforderungen

Fischer sieht die Schweiz als eigenständiges, innovationsgetriebenes Land, das seine Unabhängigkeit nicht durch ein übergriffiges EU-Rahmenabkommen aufgeben sollte. Gleichzeitig fordert er mehr Flexibilität in außen- und sicherheitspolitischen Fragen – etwa im Verhältnis zur NATO oder in der Haltung zu Russland. Die Schweiz müsse bereit sein, ihre Neutralität neu zu denken, ohne ihre demokratischen Prinzipien zu verraten.


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Stichworte: Schweiz Energiepolitik, Wasserkraft & Kernenergie, Innovationsförderung ETH, direkte Demokratie, EU-Rahmenabkommen

Michael Laar

 Prof. Dr. Michael Laar: Architektur als Hebel für eine nachhaltige Zukunft

Das vollständige Gespräch mit Prof. Dr. Michael Laar auf YouTube.


Nachhaltige Architektur beginnt mit Systemdenken

Prof. Dr. Michael Laar, Architekt und Professor für „Healthy and Sustainable Buildings“ am European Campus Rottal-Inn, beschreibt seinen Zugang zu Architektur als interdisziplinär und systemisch. Nachhaltigkeit beschränkt sich für ihn nicht nur auf Energieeffizienz, sondern bezieht Gesundheit, soziale Gerechtigkeit, Raumqualität und zirkuläres Wirtschaften mit ein. Er betont, dass Bauwerke Lebensräume sind, die in Wechselwirkung mit Mensch, Umwelt und Technik stehen.

In seinem Studium der Architektur in München und der Promotion an der Bauhaus-Universität Weimar habe er den Blick für diese größeren Zusammenhänge geschärft. Internationale Anerkennung fand er durch innovative Projekte in Brasilien, etwa eine emissionsfreie Schule in Rio de Janeiro, die energieautark betrieben werden kann.


Gebäude als Teil einer resilienten Gesellschaft

Laar sieht Gebäude nicht als technische Maschinen, sondern als Teil eines ökologischen Systems. Der Mensch steht dabei im Zentrum. Seine Projekte verfolgen das Ziel, Gebäude an den lokalen Kontext anzupassen: klimatisch, kulturell und sozial. Ein Beispiel ist sein Schulprojekt in Brasilien, das natürliche Ventilation und thermische Trägheit nutzt – ganz ohne konventionelle Klimaanlagen.

Für Mitteleuropa hebt er die Bedeutung robuster, reparierbarer Bausubstanz hervor. „Ein guter Altbau kann 200 Jahre genutzt werden“, sagt Laar. Die Langlebigkeit sei oft nachhaltiger als ein hochtechnisierter Neubau, der nach wenigen Jahrzehnten unbrauchbar werde. Wichtig sei dabei die nutzerzentrierte Gestaltung – einfache Bedienbarkeit, natürliche Materialien, sinnvolle Lichtführung.


Zirkularität und Suffizienz: Weniger ist mehr

Ein zentrales Thema des Gesprächs ist die Idee der zirkulären Architektur. Dabei geht es darum, Materialien wiederverwendbar, rückbaubar und möglichst sortenrein einzusetzen. Laar warnt vor einem „Rebound-Effekt“ der grünen Architektur: Ein energieeffizienter Bau darf nicht dazu führen, dass mehr oder größere Gebäude gebaut werden – die Nachhaltigkeit geht dabei verloren. Stattdessen plädiert er für Suffizienz: weniger Fläche, smartere Nutzung, Reduktion auf das Wesentliche.

Ein Zukunftsmodell sei das „Bauen mit dem, was da ist“ – also Bestandsumbauten statt Abriss und Neubau. Besonders in Städten müsse das Denken in Kreisläufen zur Norm werden: urban mining, modulare Bauteile, langlebige Grundrisse.


Bildung und interdisziplinäre Zusammenarbeit als Schlüssel

Seit 2019 leitet Laar den Masterstudiengang „Healthy and Sustainable Buildings“ in Pfarrkirchen. Er berichtet von Studierenden aus aller Welt, die sich mit großem Engagement für nachhaltiges Bauen einsetzen. Die Ausbildung ist stark interdisziplinär: Architektur, Technik, Gesundheitswissenschaften und Gesellschaftstheorie fließen zusammen.

Laar sieht großen Aufklärungsbedarf in der Bevölkerung – etwa in Bezug auf vermeintlich „grüne“ Technologien. Eine Wärmepumpe z. B. sei nur so gut wie die bauliche Hülle, in der sie arbeitet. Auch bei der Photovoltaik sei das große Potenzial erst ausgeschöpft, wenn Dächer, Fassaden und Speicher intelligent integriert würden.


Vision: Architektur als Teil einer regenerativen Kultur

Zum Abschluss formuliert Laar eine weitreichende Vision: Architektur soll nicht nur weniger schaden, sondern aktiv Gutes tun – für Umwelt und Gesellschaft. Er spricht von „regenerativer Architektur“, die Biodiversität fördert, Luftqualität verbessert, Gemeinschaft stärkt. Das Gebäude der Zukunft ist für ihn ein „atmender Organismus“, verankert im lokalen Kontext, offen für Anpassung, sozial gerecht und kulturell verankert.

Er sieht dabei auch die Architekten in der Pflicht: Sie müssten sich als Vermittler verstehen – zwischen Technik, Gesellschaft und Natur. Mit kreativer Gestaltung, Verantwortung und Empathie könnten sie den Wandel mitgestalten.


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Prof. Dr. Marco Wilkens: Wie Finanzmärkte die Transformation zur Nachhaltigkeit beeinflussen

Das vollständige Gespräch mit Prof. Dr. Marco Wilkens auf YouTube.


Vom Sparkassen-Azubi zum Finanzprofessor

Prof. Dr. Marco Wilkens leitet den Lehrstuhl für Finanz- und Bankwirtschaft an der Universität Augsburg. Seine akademische Laufbahn begann nach einer Sparkassenausbildung mit einem Studium in Hamburg, führte ihn über Göttingen und Ingolstadt nach Augsburg. Heute ist er u. a. im Vorstand des Zentrums für Klimaresilienz und Mitglied der Wissenschaftsplattform Sustainable Finance. Seine Forschung konzentriert sich auf nachhaltige Finanzmärkte und deren Einfluss auf die Realwirtschaft.


Haben Investoren wirklich Einfluss?

Ein zentrales Thema im Gespräch: Können Investoren die Wirtschaft nachhaltiger machen? Wilkens unterscheidet zwischen realwirtschaftlichen Investitionen (z. B. Solaranlage aufs Firmendach) und Finanzinvestitionen (z. B. Kauf eines Aktienfonds). Dabei betont er drei zentrale Wirkungskanäle nachhaltiger Finanzprodukte:

  1. Engagement: Investoren nutzen Stimmrechte, etwa auf Hauptversammlungen (Voting) oder im direkten Dialog mit Unternehmen (Voicing).

  2. Kapitalumschichtung: Wenn viele Investoren „braune“ (nicht nachhaltige) Aktien meiden und „grüne“ kaufen, steigen die Preise nachhaltiger Unternehmen, was deren Finanzierung erleichtert.

  3. Desinvestment (Divestment): Der Verkauf umweltschädlicher Aktien kann Signalwirkung entfalten – und Wilkens’ Forschung zeigt, dass das auch tatsächlich geschieht.


Wissenschaftlich nachgewiesen: Divestment wirkt

Eine vielzitierte Studie von Wilkens und seinem Team zeigt erstmals empirisch, dass Unternehmen, aus denen viele Fonds gleichzeitig desinvestieren, einen signifikanten Kursrückgang erleiden – und dass sie ihr Verhalten tatsächlich ändern: Ihr CO₂-Ausstoß sinkt messbar stärker als bei Vergleichsunternehmen. Der Effekt ist zwar nicht dramatisch, aber nachweisbar. Diese Forschung wurde von der Stiftung Mercator unterstützt, wobei Wilkens betont, dass die wissenschaftliche Unabhängigkeit stets gewahrt blieb.


ESG-Ratings und EU-Taxonomie: Orientierung oder Wildwuchs?

Ein weiteres Thema ist die Bewertung der Nachhaltigkeit von Unternehmen. ESG-Ratings (Environmental, Social, Governance) sind verbreitet, aber in ihrer Aussagekraft oft widersprüchlich. Unterschiedliche Agenturen kommen zu stark abweichenden Einschätzungen. Wilkens sieht in der EU-Taxonomie einen Versuch, hier mehr Einheitlichkeit zu schaffen. Diese listet wirtschaftliche Aktivitäten, die zur nachhaltigen Transformation beitragen – etwa bestimmte Gaskraftwerke oder Atomenergie unter engen Auflagen. Auch wenn politische Kompromisse eine Rolle spielen, sieht Wilkens in der Taxonomie ein wichtiges, EU-weit einheitliches Werkzeug.


CO₂-Preis, Zertifikate und externe Kosten

Ein großer Teil des Gesprächs widmet sich der Internalisierung externer Kosten – vor allem durch CO₂-Bepreisung. Wilkens verweist auf das Prinzip der Pigou-Steuer (100 Jahre alt), bei dem Unternehmen für die von ihnen verursachten gesellschaftlichen Kosten zahlen sollen. Das europäische Emissionshandelssystem (ETS) ist ein anderer Weg: Durch ein CO₂-Budget und handelbare Zertifikate soll die Gesamtmenge an Emissionen gedeckelt werden.

Interessanter Befund aus Wilkens' aktueller Forschung: Rund 40 % des heutigen Unternehmenswerts bestehen im Schnitt aus „nicht bezahlten“ zukünftigen Umweltschäden. Würden diese Kosten korrekt eingepreist, wären die Firmen also massiv weniger wert.


Wissenschaft zwischen Erkenntnis und politischer Realität

Zum Schluss geht es um politische Umsetzbarkeit: Soll man CO₂ über Budgets oder über Senken begrenzen? Wilkens verweist auf die praktische Notwendigkeit, politische Mehrheiten zu organisieren. Die Unsicherheiten über „richtige“ CO₂-Preise (die Schätzungen reichen von 70 € bis über 1000 € pro Tonne) erschweren klare politische Vorgaben. Dennoch: Ein funktionierender Zertifikathandel mit echtem Cap (Obergrenze) könne viel bewirken – vorausgesetzt, die Politik bleibt standhaft.


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Martin Doppelbauer

Prof. Dr.-Ing. Martin Doppelbauer: Elektromobilität, Motorentechnik und die Zukunft des Antriebs

Das vollständige Gespräch mit Prof. Dr.-Ing. Martin Doppelbauer auf YouTube.


Vom Zufall zur Elektromotoren-Exzellenz

Prof. Martin Doppelbauer, Elektrotechnik-Professor am KIT und langjähriger Entwickler bei SEW Eurodrive, ist einer der führenden Experten für Elektromotoren weltweit. Sein Einstieg in die Motorentechnik war ursprünglich ein Zufall – doch daraus entstand eine beeindruckende Karriere, die von Grundlagenforschung über industrielle Anwendungen bis hin zu internationalen Normungsgremien reicht.

Elektromotoren: Vom Schwergewicht zum Hochleistungsmodul

Elektromotoren gibt es seit über 200 Jahren – doch die letzten 30 Jahre haben eine Revolution gebracht: neue Materialien, seltene Erden, bessere Kühlung und präzise Simulationen machen heutige Motoren bis zu 100-mal leistungsfähiger als ihre Vorgänger. Ein 200-kW-Motor, der früher eine Tonne wog, passt heute in zwei Hände. Diese Fortschritte ermöglichen kompakte, hocheffiziente Antriebe – ob im Auto, in der Drohne oder im Zug.

Batterie oder Wasserstoff? Eine Effizienzfrage

Lithium-Ionen-Akkus waren ein Quantensprung gegenüber Blei- und Nickelbatterien. Zwar gibt es Alternativen wie Natrium- oder Aluminium-Akkus, doch diese sind vor allem kostengünstiger – nicht leistungsfähiger. Wasserstoff hingegen gilt trotz großer medialer Präsenz als ineffizienter und sicherheitstechnisch herausfordernder Energieträger: Mit realen Wirkungsgraden unter 30 % sei er laut Doppelbauer dem Batterieantrieb klar unterlegen – insbesondere im Pkw-Bereich. Auch Metallhydridspeicher oder Tankstellenkonzepte mit Elektrolyse sieht er skeptisch.

Hybrid, Range Extender und Radnabenmotor: Viele Ideen, wenig Chancen

Technisch faszinierend, wirtschaftlich aber problematisch: Konzepte wie Range Extender (kleiner Verbrennungsmotor als Stromquelle im E-Auto) oder Radnabenmotoren (E-Motor direkt im Rad) bringen Nachteile bei Effizienz, Gewicht, Kosten oder Dynamik. Hybridfahrzeuge wie der Toyota Prius hätten ihre Berechtigung gehabt – heute seien sie aber durch reine Batterie-Elektroautos überholt. Lediglich in Spezialfällen (z. B. mit Wohnwagen oder im Gebirge) könnten sie noch Vorteile bieten.

Ladesäulen, Netze und Laternenparker

Das Ladenetz wächst, aber die Verteilnetze sind laut Doppelbauer der Engpass: In Altbauten kann oft nicht beliebig viele 11-kW-Anschlüsse bereitgestellt werden. Die Lösung liegt in smarter Steuerung (Lastmanagement) und lokalem PV-Strom. Für Menschen ohne eigene Garage seien viele AC-Ladepunkte mit geringer Leistung entscheidend – nicht Highspeed-Lader an jeder Ecke. Auch beim Ladenetz auf Autobahnen entkräftet er Mythen: Stromtankstellen bräuchten weniger Platz als klassische Zapfsäulen.

Sicherheitsmythen: Elektroautos brennen seltener

Trotz medialer Berichte ist die Realität klar: Elektroautos brennen seltener als Verbrennerfahrzeuge – laut Studien teils bis zu 60-mal seltener. Auch beim Überschlagen und Seitenaufprall seien E-Fahrzeuge durch den tiefen Batterie-Schwerpunkt und stabile Bauweise überlegen. Wasserstoffautos hingegen bringen laut Doppelbauer reale Risiken mit sich – insbesondere in der Breitenanwendung durch Laien.

Ausblick: Was funktioniert – und was nicht

Doppelbauer plädiert für Technologieoffenheit, aber auch für Klarheit: Wasserstoff sieht er im Pkw als „weltweit erledigt“, für den Lkw vielleicht diskussionswürdig. Brennstoffzellen, Ammoniak oder synthetische Kraftstoffe seien entweder ineffizient, teuer oder weit von der Praxis entfernt. Stattdessen brauche es ein intelligentes Stromnetz, pragmatische Ladeinfrastruktur und politische Planung, um Elektromobilität sinnvoll und massentauglich zu machen.

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Prof. Ulrich Bruhnke

Prof. Ulrich Bruhnke

Ingenieurskunst für die Energiewende

Ulrich Bruhnke, Maschinenbauingenieur und Honorarprofessor, war jahrzehntelang in Führungspositionen bei Mercedes, AMG und in der Zulieferindustrie tätig. Heute bringt er sein Wissen bei der Firma Obrist ein. Sein Ziel: Technologien zur CO₂-Reduktion, die wirtschaftlich skalierbar sind. Im Zentrum steht ein neues Konzept der Elektromobilität – das serielle Hybridfahrzeug – das bezahlbar, ressourcenschonend und zugleich emissionsarm sein soll.

Das ganze Video auf YouTube Ulrich Bruhnke

Serielle Hybridtechnik: Der kleine Motor macht den Unterschied

Das serielle Hybridfahrzeug ist ein Elektroauto, bei dem ein kleiner, effizienter Zweizylinder-Motor bei Bedarf die Batterie lädt. Der Clou: Der Verbrennungsmotor läuft nur im optimalen Betriebspunkt und wird vorher erwärmt, wodurch Emissionen drastisch reduziert werden. Kaltstarts – Hauptquelle von Schadstoffen – entfallen. Dadurch lässt sich Elektromobilität mit kleinerer Batterie, geringerer Rohstoffbelastung und günstigerem Preis realisieren. Ein Beispiel: Ein modifiziertes Tesla Model Y ließe sich so laut Bruhnke für rund 22.000–24.000 € herstellen.

Methanol als Schlüssel zur CO₂-negativen Energie

Ein zentrales Element des Obrist-Konzepts ist synthetisches Methanol, das CO₂-negativ hergestellt wird – aus Luft-CO₂ per „Direct Air Capture“ und mit Sonnenstrom aus Wüstenregionen. Die so erzeugte Energieform sei günstig, speicherbar und transportfähig. Bestehende Infrastruktur wie Tanklaster oder Pipelines kann weitergenutzt werden. Das Methanol dient nicht nur als Fahrzeugtreibstoff, sondern kann auch die chemische Industrie oder Heizsysteme versorgen – mit positiver CO₂-Bilanz.

Vom Sonnenstrom zur globalen Industrie

Die Produktion in solaren Wüstenregionen verspricht laut Bruhnke extrem günstige Strompreise (unter 1 ct/kWh). Das mache die Herstellung von CO₂-neutralem Methanol wirtschaftlich – auch im Vergleich zu fossilen Varianten. Die Perspektive: Exportfähige Energieprodukte aus Regionen, deren Öl irgendwann nicht mehr verkäuflich ist. Damit könnten neue Einnahmequellen entstehen. Ein Vorteil für Produzentenländer, aber auch für Industriegesellschaften, die neue Energieträger brauchen.

Mehr als Mobilität: Werkstoffe, Beton und Baustoffrevolution

Ein Nebeneffekt der Methanol-basierten CO₂-Extraktion: Kohlenstoff wird als Nebenprodukt abgeschieden – verwendbar u.a. für Carbonfasern. Diese können etwa in Carbonbeton zum Einsatz kommen, der bei gleicher Stabilität deutlich weniger Zement benötigt. Da die Zementherstellung ca. 7–8 % des weltweiten CO₂-Ausstoßes verursacht, wäre das eine massive Einsparung. Bruhnke sieht darin einen Baustein für eine CO₂-negative Bauwirtschaft.

Klimaneutralität mit Ingenieurverstand – aber ohne Verbote

Zum Schluss warnt Bruhnke vor einem überregulierten Weg in die Klimaneutralität. Statt pauschaler Verbote brauche es technologieoffene Rahmenbedingungen, die CO₂-Vermeidung belohnen – unabhängig vom Weg dorthin. Methanol aus erneuerbaren Quellen könnte z.B. Heizsysteme klimaneutral machen, wo Wärmepumpen ungeeignet sind. Wichtig sei, dass Politik, Ingenieurwesen und Recht enger zusammenarbeiten, um realistische und effektive Lösungen umzusetzen.

Donnerstag, 24. April 2025

Anna Julia Storch im Gespräch mit Eduard Heindl

 Anna Julia Storch im Gespräch mit Eduard Heindl

Das gesamte Gespräch mit Anna Julia Storch auf YouTube


1. Leistungssport und Bildung: Ein Leben voller Disziplin

Anna Julia Storch, ehemalige Skirennläuferin und erfolgreiche Gründerin, berichtet von ihrem intensiven Alltag während ihrer Schul- und Sportkarriere. Sie schaffte es, trotz minimaler Schulpräsenz ein herausragendes Abitur zu absolvieren, indem sie ihre Zeit extrem priorisierte: wenig Schlaf, Verzicht auf Freizeitaktivitäten und strikte Fokussierung auf Sport und Lernen. Ihr Trainer und Schulleiter unterstützten sie, solange ihre Leistungen stimmten. Diese Erfahrung prägte ihre Einstellung zu Leistung und Disziplin.

2. Studium in Deutschland vs. USA: Unterschiede in Motivation und Gemeinschaft

Storch vergleicht ihre Studienzeit an der LMU München mit ihrem Master in Stanford. In Deutschland schätzte sie die Selbstständigkeit und den hohen fachlichen Anspruch, während sie in den USA die starke Gemeinschaft und den "Campus-Spirit" hervorhebt. Allerdings kritisiert sie die schulische Struktur und die oft fehlende intrinsische Motivation amerikanischer Studierender. Sie betont, dass europäische Studierende durch das deutsche System erwachsener und eigenverantwortlicher werden.

3. Gründertum und KI: Die Zukunft der Arbeitswelt

Mit ihrem Startup "Drift" entwickelt Storch KI-Lösungen für die Supply-Chain-Branche. Sie sieht große Potenziale in künstlicher Intelligenz, warnt aber vor den Herausforderungen wie Jobverlagerungen und ethischen Fragen. Storch glaubt, dass KI repetitive Aufgaben übernehmen wird, während Menschen sich auf kreative und soziale Tätigkeiten konzentrieren können. Sie ist überzeugt, dass Wettbewerb und Leistungsbereitschaft entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg sind – eine Haltung, die sie aus dem Leistungssport mitgebracht hat.

4. Politik und Gesellschaft: Deutschland vs. USA

Storch diskutiert die politischen Unterschiede zwischen Deutschland und den USA. Während sie das deutsche System für sachlicher hält, kritisiert sie die aktuelle Parteienzersplitterung. In den USA beobachtet sie eine stärkere Polarisierung, aber auch mehr Pragmatismus in der Wirtschaftspolitik. Sie plädiert für eine innovationsgetriebene Klimapolitik statt für Verbote und sieht Kernenergie als Teil der Lösung – eine Meinung, die sie mit vielen jungen Akademikern teilt.

5. Lebensphilosophie: "Wise and Useful"

Storchs Antrieb ist es, "weise und nützlich" zu sein. Sie arbeitet bis zu 100 Stunden pro Woche, hat aber auch langfristige Pläne wie eine Familie oder eine akademische Laufbahn. Sie betont, dass Erfolg für sie nicht an Mitarbeiterzahlen, sondern an Impact gemessen wird. Mit ihrem Werdegang – von der Spitzensportlerin zur KI-Unternehmerin – zeigt sie, wie viel mit Disziplin und Zielstrebigkeit erreicht werden kann. Ihr Appell: Leistung sollte gefördert, nicht zurückgedrängt werden – sei es im Sport, in der Schule oder in der Wirtschaft.


Das Gespräch gibt Einblicke in eine außergewöhnliche Karriere und regt zum Nachdenken über Bildung, Technologie und gesellschaftliche Werte an.